Chorbiographie

Chorbiographie

Wiener Singverein

Sie leben nicht vom Singen, aber in vieler Hinsicht für das Singen. Und wenn sie zu Proben oder Konzerten ins Musikvereinsgebäude kommen, dann kommen sie nicht zum Dienst, sondern vom Dienst – aus Büros, Kanzleien, Arztpraxen, Unterrichtsräumen … Was sie verbindet, ist die Leidenschaft fürs Singen. Seit mehr als 150 Jahren beweist der Wiener Singverein, dass Amateure Musik auf höchstem Niveau machen können. Der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zählt, beständig über die Zeiten hinweg, zu den besten Konzertchören der Welt.

Amateur sein heißt: Liebender sein. Und Musikliebende waren es, die 1812 die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ins Leben riefen. Dass sie diese Liebe nicht nur als Hörende pflegen wollten, sondern auch als Musizierende, verstand sich von selbst. Für die „Chorübungsanstalt“ der jungen Gesellschaft wurde, höchst ambitioniert, Antonio Salieri als Leiter verpflichtet.

1858 als Zweigverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gegründet, hat der Singverein im Laufe seiner langen Geschichte zentrale Werke des Chorrepertoires uraufgeführt – darunter das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms, dessen erste drei Sätze 1867 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, Verdis „Ave Maria“ bei der weltweit ersten Gesamtaufführung der „Quattro pezzi sacri“, Bruckners „Te Deum“, Mahlers 8. Symphonie und Franz Schmidts Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“.

Mit Johannes Prinz – Chordirektor seit 1991 – ging der Wiener Singverein als vielgefragter und stilistisch höchst flexibler Konzertchor ins 21. Jahrhundert. Der Chor arbeitet heute regelmäßig mit den international wichtigsten Dirigenten zusammen, darunter Daniel Barenboim, Bertrand de Billy, Herbert Blomstedt, Riccardo Chailly, Gustavo Dudamel, Vladimir Fedosejev, Mariss Jansons, Philippe Jordan, Fabio Luisi, Zubin Mehta, Cornelius Meister, Riccardo Muti, Andris Nelsons, Andrés Orozco-Estrada, Georges Prêtre, Sir Simon Rattle, Christian Thielemann und Franz Welser-Möst.

Unter Thielemann war der Chor 2010 Partner der Wiener Philharmoniker bei einer DVD-Neuproduktion der Beethoven-Symphonien. Weitere international vielbeachtete Schallplattenaufnahmen des Wiener Singvereins entstanden zuletzt mit Mahlers Zweiter und Dritter Symphonie unter Pierre Boulez – die Einspielung der Dritten wurde mit dem Grammy ausgezeichnet. 2013 erschien der Livemitschnitt des Jubiläumskonzerts zum 200. Geburtstag der Gesellschaft der Musikfreunde: Unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt sang der Singverein hier Händels „Timotheus“ („Das Alexanderfest“) in der Fassung von 1812. Auch diese CD wurde international ausgezeichnet.

Künstlerisch zu Hause ist der Singverein im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, dessen Konzertleben er durch seine vielen Verpflichtungen entscheidend prägt.

Regelmäßig wird der Wiener Singverein zu internationalen Gastauftritten eingeladen. Bei den Salzburger Osterfestspielen trat er in diesem Jahr unter Christian Thielemann auf. Am Beginn der Saison 2017/2018 bestritt der Chor mit dem Gewandhaus Orchester Leipzig unter Herbert Blomstedt eine Tournee durch Deutschland, Frankreich, China und Japan und konzertierte mit dem Cleveland Orchester unter Franz Welser-Möst in Luxemburg.

(Joachim Reiber)